Einblicke in den Untergrund:
Bodenradarmessung Flavia Solva, Steiermark

Rudolf K.Fruhwirth, Gerald Fuchs & Rainer Morawetz

Inhalt:
1. Zielsetzung
2. Bodenradar
3.  Feldmessung
4. Datenverarbeitung
5. Interpretation
6. Literatur



 

Abstract:
GPR-Prospection in the Roman Town of Flavia Solva (Styria, Austria)

 
In the Roman town of Flavia Solva an area was selected to investigate the possibilities and limits of GPR-prospection using refined methods and latest technology. The close interdisciplinary cooperation between geophysics and archaeology was successful and  indicates a promising approach for future research work. The test area extending over
50 x 45 m was measured in a 0.5 x 0.5 m grid with a SIR-2 (GSSI) equipment, using antennas with 500 MHz frequency. More than 9 km of GPR-profiles were measured with about 690 MB of collected data.
Data processing involved a number of different techniques: Lateral positioning errors occurred during fieldwork were eliminated by rubber-band-interpolation. The amount of data was reduced to 50% by resampling in vertical direction. With a band-pass frequency filter the part of the signal outside of the antenna’s frequency band was reduced, so the relation between useful data and noise was improved. Deconvolution resulted in a better vertical resolution. By the background removal and energy-decay-correction other unwanted signals were reduced and variations of the amplitudes caused by different parameters of the soil were smoothed in vertical direction. With the Stolt-Migration the lateral resolution was improved.
The further steps could be facilitated by the calculation of a series of time slices for different depths in intervals of 2 ns (ca. 10 cm). The excellent quality of the data allowed a detailed archaeological interpretation. The Roman town was settled for about 400 years and  during this long period many building activities and modifications occurred and the processes of destruction and decay resulted too in a very complex archaeological evidence which is reflected in GPR-data as well.
The archaeological interpretation was carried out in several steps. The analysis of larger features (lines, areas) provided a first overview of the general structures for differents depths. They were reviewed in detail with the aid of the GPR-profiles and so positive features like walls, negative features (e.g. pits, robber trenches) and limited, mostly rectangular areas (e.g. floors) were distinguished. The horizontal and vertical dimensions of the features were studied. Ground plans of the Roman building for several depths – with the floors and maybe even the hearths - could be drawn. The results were compiled in a single general plan: It shows a part of an insula in the middle of the Roman town of Flavia Solva, detected by geophysics and archaeological interpretation.


   
 

Zielsetzung

An diesem Beispiel werden die Einsatzmöglichkeiten der Radarmethode zur archäologischen Prospektion in einem ausgewählten Testgebiet innerhalb der antiken Stadt Flavia Solva dargelegt. Durch interdisziplinäre Kooperation und mit dem Einsatz neuester Technologie lassen sich Ergebnisse erzielen, die für die archäologische Forschung sehr wichtig sind. Im Vergleich zu Ausgrabungen sind diese Untersuchungen außerordentlich rasch und relativ kostengünstig durchzuführen  – die Erfassung größerer Teile des Stadtgrundrisses liegt im Bereich des Realisierbaren.
Die Fragestellungen seitens der Archäologie betreffen sowohl allgemeine Aspekte, als auch Detailfragen.

Der genaue Stadtgrundriss und die Ausdehnung des antik bebauten Areales sind durch die langjährigen Ausgrabungen noch lange nicht vollständig erforscht.
Ein weitgehend kompletter Stadtplan ermöglicht Vergleiche mit anderen römischen Städten und liefert neue Ansätze für die Klärung von Detailfragen, wie z.B. die Funktion einzelner Gebäudekomplexe oder die Lage des Forums.
Ein weitgehend kompletter Stadtplan ermöglicht Vergleiche mit anderen römischen Städten und liefert neue Ansätze für die Klärung von Detailfragen, wie z.B. die Funktion einzelner Gebäudekomplexe oder die Lage des Forums.
Köflach-Pichling.
Archäologische Landesaufnahme im Bezirk Bruck an der Mur.
Die einzelnen Gebäudegrundrisse bilden eine Grundlage für Visualisierung und Animation im musealen Bereich.
Die genauen Daten geben dem Denkmalpfleger ein verbessertes Instrument zur Beurteilung von Bauplanungen.
Bei günstigen Bedingungen könnte sogar eine Differenzierung von Bauphasen innerhalb einzelner Gebäudekomplexe (Insulae) erfolgen und davon ausgehend eine Analyse der Siedlungsentwicklung.


Abb. 1: Stadtplan von Flavia Solva mit der Lage des Messgebietes (schwarz).


   
 

Bodenradar
 

Allgemeines
Die Erforschung der elektromagnetischen Wellen für Zwecke der Informationsübertragung begann in den 20-er Jahren dieses Jahrhunderts. Im Zuge des 2. Weltkrieges wurde von der US Navy der Begriff RADAR (RAdio Detection And Ranging) geprägt. Ziel der damals militärischen Forschung und Entwicklung war die Konstruktion von Geräten zur Ortung und Entfernungsbestimmung von Flugobjekten und Schiffen. Die Nutzung von Radarsystemen für geophysikalische Zwecke begann in den 50-er Jahren. Ende der 60-er und Anfang der 70-er Jahre erfolgte die Entwicklung von Prototypen von Radarsystemen zur hochauflösenden Untersuchung des Untergrundes. Diese durchaus unterschiedlichen Entwicklungsansätze werden heute unter dem Begriff Ground Penetrating Radar (GPR) zusammengefasst.
 
Prinzip
Das Prinzip des Bodenradars ist ähnlich jenem klassischen Radar, welches zur Ortung von Flugzeugen etc. seit Jahren verwendet wird. Hochfrequente elektromagnetische Wellen werden in den Untergrund gesendet. Diese breiten sich sphärisch aus und werden an den Grenzen unterschiedlicher Materialien teilweise reflektiert und teilweise transmittiert. Die Größe des reflektierten Anteils ist vom Materialunterschied abhängig. Je größer dieser Unterschied ist, umso größer ist der reflektierte Wellenanteil. Die Summe aller reflektierten Wellen wird von der Empfangsantenne wieder aufgenommen und an die Kontrolleinheit weitergeleitet. Von dieser werden die Daten nach entsprechender Verarbeitung (Verstärkung, Filterung, Digitalisierung, ...) an die Speichereinheit weitergeleitet.
Die Ausbreitung elektromagnetischer Wellen in einem Medium wird im Wesentlichen durch die Ausbreitungsgeschwindigkeit und die Dämpfung der Welle beschrieben. Durchläuft die Welle ein anderes Medium als Luft, ist die Wellengeschwindigkeit auf jeden Fall geringer als diejenige im Vakuum. Hauptverantwortlich für die Geschwindigkeit und Dämpfung einer elektromagnetischen Welle sind die elektrischen Eigenschaften des durchstrahlten Mediums.
Im GPR-Frequenzband ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Radarwellen im Wesentlichen von der relativen Dielektrizitätskonstante abhängig. Diese besteht aus handlichen Zahlenwerten und ist für sehr viele Materialien bekannt und hinreichend publiziert. Aufgrund des linearen Zusammenhangs von Wellenlaufzeit und Geschwindigkeit lassen sich die Tiefen georteter Objekte und Strukturen relativ genau abschätzen.
 
Grenzen
Die momentanen Grenzen der Radarmethode aus praktischer Sicht werden hauptsächlich durch die sogenannte Eindringtiefe vorgegeben. Sie ist definiert als die Tiefe, in welcher ein Objekt oder eine Struktur mittels Bodenradar im Sinne der Aufgabenstellung noch erkannt werden kann. Sie ist vor allem von der elektrischen Leitfähigkeit des Untergrundes abhängig. Je höher dessen Leitfähigkeit, Ton- und Wassergehalt ist, umso geringer ist die erzielbare Eindringtiefe. Mit zunehmender Antennenfrequenz sinkt die Eindringtiefe ebenfalls. In der Praxis bereiten vor allem feuchte, tonführende Schichten und Meerwasser Probleme.
 
Geräteausstattung
Für die Feldmessungen stand ein Gerät vom Typ SIR-2 (GSSI) zur Verfügung. Dieses Gerät wird netzunabhängig mit Batterie betrieben, besitzt ein Farbdisplay zur sofortigen Darstellung und Kontrolle der registrierten Daten und erlaubt die digitale Speicherung (über 1 Gigabyte Speicherkapazität) zur weiteren Verarbeitung. Die Antenne ist über ein ca. 30 m langes Kabel mit dieser sogenannten Kontrolleinheit verbunden. Es stehen Antennen mit unterschiedlichsten Frequenzen zur Verfügung.


   
 

Feldmessung
 
Die Feldmessungen wurden Anfang Dezember 1999 durchgeführt. Das Messgebiet mit einer Größe von 45 ´ 50 m wurde nach archäologischen Gesichtspunkten festgelegt. Es liegt östlich der bestehenden Ausgrabungen und wurde parallel dazu platziert. Die Einführung eines lokalen Koordinatensystems vereinfachte den Feldbetrieb. Das Messgebiet und markante Punkte wurden geodätisch eingemessen.

Eine Radarmessung erfolgt in der Regel in Profilform -  um einen möglichst hohen Informationsgehalt zu erzielen, wurden die Profile rasterförmig in einem Abstand von 0,5 m zueinander aufgenommen. Mit einer Antenne mit 500 MHz Mittenfrequenz wurde das optimale Verhältnis von Eindringtiefe und Auflösungsvermögen erzielt. Verstärkungs- und Filterparameter wurden durch Testmessungen optimert. Die Registrierzeit wurde mit 100 ns bei 1024 Samples/Scan festgelegt. Bei einer Scanrate von 32 Scans/Sekunde wurde eine laterale Scandichte von ca. 2,5 cm/Scan erzielt. Die Radarantenne wurde etwa mit Schrittgeschwindigkeit über das jeweilige Profil gezogen. Um durch die Zeittaktung des Radarsystems bedingte laterale Positionierungsfehler auszugleichen, sind an definierten Positionen im Profil im 5 m - Intervall sogenannte Marker gesetzt worden, welche bei der Datenverarbeitung die laterale Fehlerkorrektur erlauben.
Es wurden insgesamt 192 Profile mit mehr als 9 km Gesamtlänge bei über 350.000 Radarscans aufgenommen. Die Profildaten wurden digital gespeichert - sie benötigen insgesamt 690 Mbyte an Speicherkapazität.


 
 
 

Abb. 2: Lageplan des Messgebietes

Zum Vergrößern bitte anklicken!

 

Datenverarbeitung

Die Verarbeitung erfolgt am PC mit einem für die Verarbeitung von Bodenradardaten entwickelten Programm.- Je nach Aufgabenstellung und Datenmaterial kommen unterschiedlichste Prozesse zur Anwendung. Bei der Nutz-/Störsignalverbesserung wie z.B. der digitalen Filterung kommen Algorithmen der digitalen Signalverarbeitung zur Anwendung, bei der Tiefenumrechnung werden Routinen von der einfachen linearen Transformation bis hin zu komplexen Migrationsalgorithmen verwendet. Die Bestimmung der elektromagnetischen Wellengeschwindigkeit erfolgt meist interaktiv unter Einbeziehung der geometrischen Verhältnisse bei der Feldmessung.

Im ersten Schritt wurden die Daten vom Messgerät auf den Rechner überspielt, die Geometrieinformationen in das System eingegeben und die Daten in das Processingsystem importiert. Da die Daten nicht über die registrierten 100 ns interpretierbar sind, wurde das Zeitfenster auf 60 ns reduziert.
 
Eine Korrektur des lateralen Positionierungsfehlers erfolgte im nächsten Schritt mittels der sogenannten rubber-band-interpolation, welche sich auf die während der Feldmessung mitregistrierten Marker stützt. Testläufe zeigten, dass mit einem interpolierten Spurabstand von 2 cm ein ausreichend hoher Informationsgehalt beibehalten werden konnte. Weiters konnte durch Spektralanalysen gezeigt werden, dass - basierend auf dem Sampling-Theorem - eine weitere Datenreduktion durch Resampling in vertikaler Richtung keine Informationsverluste mit sich bringt. Durch ein Kompressionsfilter wurde die Datenmenge um 50 % reduziert.


Mit einem Band-Pass Frequenz-Filters werden störende Signalanteile außerhalb des Antennenfrequenzbandes eliminiert und somit das Nutz-/Störsignalverhältnis gesteigert. Die Deconvolution ist ein Prozess zur Erhöhung der „Signalschärfe“, wodurch auch das vertikale Auflösungsvermögen erhöht wird. Die letzten Schritte vor der Migration bildeten ein sogenannter background-removal und die Energieabfallkorrektur (energy-decay), welche kohärente Störsignale eliminieren und die durch die unterschiedlichen Dämpfungseigenschaften des Bodens hervorgerufenen Amplituden-Variationen über die Tiefe ausgleichen.


Die Migration ist ein Prozess, der erst nach der Erhöhung des Nutz-Störsignalverhältnisses die richtige Positionierung von Reflexionseinsätzen und somit eine Steigerung des lateralen Auflösungsvermögens ermöglicht. Die heute verfügbaren Migrationsalgorithmen wurden im Rahmen der Kohlenwasserstoffexploration für die Reflexionsseismik entwickelt. Zur Anwendung kam die sogenannte Stolt-Migration, die Migrationsgeschwindigkeit wurde durch Diffraktionsanalysen und Testläufe mit v=0,11 m/ns festgelegt.


Die sehr gute Qualität der Radargramme und die immense Vielfalt an Anomalien - Reflexionen im Sinne der Aufgabenstellung - bedingen einen enormen Aufwand für eine Interpretation der einzelnen Radarprofile. Um den Aufwand der Interpretation in wirtschaftliche Bahnen zu lenken und die Sicherheit der Interpretation zu steigern, wurden aus den Radargrammen sogenannte Zeitscheiben (Time-Slices, C-Scans) in unterschiedlichen Tiefenstockwerken gerechnet.


Herkömmliche Radargramme (Abb. 3) zeigen ein Abbild des Untergrundes entlang eines vertikalen Messprofiles. Time-Slices stellen aber ein bestimmtes Tiefenstockwerk des Untergrundes flächenmäßig dar. Die 192 Radarprofile lassen sich somit ohne Informationsverlust auf wenige Zeitscheiben reduzieren, welche auch für das nicht geophysikalisch geschulte Auge interessante Strukturen erkennen lassen. Aus den migrierten Radargrammen wurden 30 Zeitscheiben in 2 ns Intervallen von 0 ns bis 60 ns (entsprechend einer maximalen Tiefe von ca. 3 m) gerechnet (Abb. 4, 5).


 
 
 
 
 

Abb. 3: Radargramme aufgenommen in y-Richtung bei den Positionen a) x=31,5 m; b) x=32,0 m; c) x=32,5 m; d) x=33,0 m

 
 
 
 
 
 

Abb. 4: Zeitscheiben in unterschiedlichen Tiefenhorizonten mit Interpretation

 

 

Interpretation
 
Das Messgebiet liegt unmittelbar östlich der freigelegten Insula XXII; zwischen dieser und dem Messgebiet verläuft in Nord-Süd-Richtung die Straße D, die Bestandteil des regelmäßigen Grundriss-Rasters der antiken Stadt ist. Nach den vorliegenden Informationen sind in diesem Areal bisher keine archäologischen Untersuchungen erfolgt. Im Übersichtplan von Flavia Solva (Abb.-1) ist im Bereich des Messgebietes die Insula XXIII als schematisches Rechteck eingetragen, wobei es sich um eine Konstruktion W. Schmid’s handeln dürfte. Die Ergebnisse der Bodenradar-Messungen erbringen daher neue Daten zur antiken Bebauungssituation im Stadtgebiet. Die Bebauungsstruktur im Messgebiet entspricht allgemein dem bekannten Raster des Stadtgrundrisses.
Ein Teil des Messgebietes ist bereits zuvor mit Widerstandsmessungen untersucht worden (Groh et al. 1999), dabei sind die tiefer liegenden Baustrukturen jedoch nicht erfasst worden sind.
 
Methodik
Die hohe Qualität der Daten und die Dichte der Erfassung im Raster 0,5 ´ 0,5 m bieten erstklassige Voraussetzungen für die archäologische Interpretation. Dies ist in Flavia Solva besonders wichtig, weil im Zuge der rund vier Jahrhunderte andauernden Besiedlung zahlreiche Baumaßnahmen und Bodeneingriffe erfolgt sind, die sich alle mehr oder weniger intensiv in den Radardaten wiederspiegeln. So ist ein sehr komplexer Befund im Boden entstanden - seine Ursachen liegen in einer langen und vielfältigen Baugeschichte und in Phänomenen, die mit dem Verfall bzw. der Zerstörung originaler Bausubstanz zusammen hängen. Die Radaruntersuchung ermöglicht die Erfassung mächtiger Kulturschichten mit einander überlagernden Befunden in detailreicher Auflösung. Jeder einzelne Befund kann für sich betrachtet und mit anderen korreliert werden.
 
 
Für die archäologische Interpretation standen alle Daten (Time Slices und Radargramme) zur Verfügung. Die Interpretation wurde in mehreren Schritten vorgenommen:

1)
Analyse linearer und flächenhafter Strukturen und deren Richtungen in den einzelnen Time Slices mit dem Zwischenergebnis einer Struktur-Übersicht für verschiedene Tiefenhorizonte.
2) Überprüfung der wichtigen linearen Strukturen mit Hilfe der Radargramme. Als Zwischenergebnis können positive Strukturen (Mauern), negative Strukturen (z.B. Ausriss-Gräben, Gruben), Grenzkanten und sonstige lineare Elemente differenziert werden.
3) Die positiven und negativen linearen Strukturen (Mauerzüge im weiteren Sinn) wurden verfolgt, um sie als dreidimensionale Körper in ihrer realen Ausdehnung bestimmen zu können. Das Ergebnis ist ein Grundrissplan der Baustrukturen für verschiedene Tiefenhorizonte
4) Zeichnerische Vervollständigung des Gebäudegrundrisses und isometrische Darstellung des Gebäudegrundrisses als rekonstruiertes, ergänztes Objekt.

Die grafischen Ergebnisse der Auswertung wurden in AutoCAD Zeichnungsdateien  abgespeichert. Über das DXF-Datenaustausch-Format können alle Zeichnungselemente direkt in ein Geografisches Informations-System übernommen und mit anderen digitalen Daten verknüpft werden (z.B. Katastralmappe, Grabungspläne, Luftbilder etc.).
 
Baubefunde
Das Messgebiet wurde bewusst nach dem zu erwartenden Bebauungsraster ausgerichtet und es war nicht überraschend, diese Richtungen auch bei der Auswertung in allen Tiefenhorizonten vorzufinden. Die Nord- und Südmauern der Insula XXIII liegen knapp innerhalb des Messgebietes, die Westmauer knapp außerhalb, die Ostmauer dürfte nach der zu erwartenden Größe der Insula noch weiter entfernt sein.
Der Erhaltungszustand der Mauern ist sehr unterschiedlich und ändert sich oft auf kurze horizontale Entfernungen bzw. mit zunehmender Tiefe. Große Abschnitte sind vor allem im Westen - vermutlich zur Gewinnung von Bausteinen in der Neuzeit - ausgerissen worden. Manche Ausriss-Gräben sind in den Radargrammen gut anhand der Grabenfüllung mit konkaven Strukturen zu erkennen. In anderen Bereichen ist dies manchmal schwierig: teilweise fehlt ein ausreichender Kontrast zum umgebenden Boden bzw. es sind so viele Anomalien auf engstem Raum vorhanden, dass eine Identifizierung nicht mit Sicherheit durchzuführen ist.

 
Die als Mauern interpretierten Anomalien ergeben bereits ein plausibles, wenngleich unvollständiges Grundriss-Schema. Dieses lässt sich durch Berücksichtigung vertikaler Grenzkanten - in den Radargrammen an dem unterschiedlichen Aufbau des Boden zu beiden Seiten erkennbar -, und weiteren linearen Grenzen in den Time Slices ergänzen. Die Böden - nach dem Reflexionsverhalten und analog zu archäologischen Befunden dürfte es sich vorwiegend um Mörtelböden mit Kiesel-Rollierung handeln -, fügen sich sehr gut in das Grundriss-Schema. Einige sehr kleine rechteckige Anomalien von 1 ´ 2 m im Grundriss können eventuell als Herdstellen gedeutet werden - sie liegen in der Regel knapp an den Mauerzügen. Im Westteil bleiben einige Lücken bestehen, die in der Rekonstruktionszeichnung (Abb. 6) geschlossen worden sind.

Die Mauern liegen teilweise knapp unter dem Humus und sind schon in geringer Tiefe erkennbar, bei 16 ns (ca. 0,8 m) zeichnen sich bereits große Teile der Insula ab, bei 24 ns (ca. 1,2 m) zeigt sich die vollständigste Gesamt-Übersicht. Die tiefsten Fundamente reichen etwa 50 bis 52 ns (ca. 2,5 m) hinab.

Das allgemeine Grundriss-Schema der Insula ist über längere Zeit hinweg ohne bedeutende Veränderungen beibehalten worden - die Nord-Süd und Ost-West verlaufenden Hauptachsen zeigen keine erkennbaren Veränderungen. Im Nordosten und im Süden lassen sich bauliche Umgestaltungen nachweisen, die durch parallel verlaufende und weniger tief fundamentierte Mauern gekennzeichnet sind. Die zahlreichen Mörtel?böden deuten tendenziell auf eine Nutzung als Wohnräume, wenngleich andere Nutzungsformen grundsätzlich nicht auszuschließen sind.

Innerhalb des Messgebietes sind keine größeren Hofareale mit ausreichender Klarheit erkennbar, wie dies für andere Insulae typisch ist. Allenfalls könnten Teile im Westen in einigen Nutzungsphasen als solche verwendet worden sein. Möglicherweise sind durch tief reichende Fundamente jüngerer Bauphasen ehemalige Hofbereiche geteilt worden und dadurch in den Daten nicht erkennbar. Eine weiter gehende Interpretation der Bauentwicklung und funktionellen Interpretation einzelner Gebäudeteile ist archäologischen Untersuchungen vorbehalten.




Literatur

Literatur, Pläne, Unterlagen
[1] Fruhwirth, R.K., Kogler, A., Schmöller, R., Rieger, R., Stummer, P., Fischer, L. (1995): Aufbau eines Center of Competence für Bodenradartechnik, Forschungsbericht gefördert durch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, Joanneum Research.

[2] Fruhwirth, R.K., Fuchs, G., Morawetz, R., Schreilechner, M. (2000): Radarmessung Flavia Solva. Zwischenbericht, Joanneum Research.

[3] Fuchs, G. (1981): Die römerzeitlichen Gräberfelder von Flavia Solva. Ungedr. Dissertation Univ. Graz, Planbeilagen.

[4] Hebert, B., Kainz, I. (1991): Denkmalschutz für eine Römerstadt: Flavia Solva. Österreichische Zeitschrift für Kunst- und Denkmalpflege, Wien, 197 – 201.

[5] Hudeczek, E. (1989): Flavia Solva. Sprechende Steine, 3, Sondernummer, Leibnitz.

[6] Groh, S., Neubauer, W., Eder-Hinterleitner, A. (1999): A Resitivity Survey to Locate the Forum of the Roman Town Flavia Solva (Austria). In: J.W.E. Fassbinder & W.E. Irlinger (eds), Archaeological Prospection. Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, 108, München, 38 – 39.

[7] Kainz, I. (1990): Applications of GIS in Archaeology in the Province of Styria. GIS/LIS Technical Papers, ACSM-ASPRS Annual convention, vol. 3, Bethesda, 323 – 327.
 


Anschrift der Verfasser:
DI Dr. Rudolf K. Fruhwirth
Joanneum Research, Institut für Angewandte Geophysik
Roseggerstr. 17, A-8700 Leoben
Tel. +43-3842-47060-2236
Email: rudolf.fruhwirth@joanneum.at
Internet: www.joanneum.at
 
Ing. Rainer Morawetz
Joanneum Research, Institut für Angewandte Geophysik
Roseggerstr. 17, A-8700 Leoben
Tel. +43-3842-47060-2261
Email: rainer.morawetz@joanneum.at
Internet:
www.joanneum.at

Dr. Gerald Fuchs, ARGIS Archäologie Service
A – 8114 Kleinstübing 56
Tel. +43-3127-28633

Email: office@argis.at


 
 
  Abb. 5:
Flavia Solva: Time Slice für den Tiefenbereich 16 ns. Es zeigen sich Mauerzüge, Ausrissgräben und flächenhafte Elemente.
 
 
 
 
  Abb. 6: Isometrische Darstellung des rekonstruierten Gebäudegrundrisses